Indien ist ein Land der Farben, der Götter verschiedenster Religionen, alter Traditionen und moderner Entwicklungen. Die Ausstellung Reflections of India im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) zeigt mit zeitgenössischen Fotografien wie in einem Kaleidoskop Ansichten von einem Land, dessen spirituelle Prägung noch immer lebendig ist und dessen Faszination gerade für Künstler bis heute ungebrochen ist. In der Schau begegnen sich die Werke dreier Fotografen aus Deutschland und den USA: die während der letzten mehr als zehn Jahre entstandenen, großformatigen farbigen Tableaus von André Wagner (*1980 in Burgstädt, lebt in Berlin); die 1989 entstandene und nun erstmals veröffentlichte Indien-Serie von Manfred Paul (*1942 in Schraplau bei Halle lebt in Berlin) und die 2010/13 entstandene Serie Darshan der gebürtigen Inderin Manjari Sharma (*1979 in Mumbay, lebt in New York und wird in den USA von der Richard Levy Gallery und ClampArt vertreten). Der Band zur Ausstellung vereint die bemerkenswerten Fotografien mit weiterführenden Essays. Alle drei fotokünstlerischen Positionen offenbaren in der gemeinsamen Präsentation eine interessante und intensive Sicht durch die Brille der westlichen Kultur auf die uns fremde Kultur des fernen Subkontinents.



Vorwort

Zu allen Zeiten entwickelte sich die Kunst maßgeblich aus dem internationalen Austausch der Künstler unter- und miteinander und erfolgte künstlerische Erneuerung angeregt durch die Rezeption und Weiterentwicklung des andernorts Gesehenen, Gehörten, Erlebten oder Erfahrenen. Es sind vor allem die Künste, die grenzüberschreitend in jeder Hinsicht agieren: topografisch, geografisch, ästhetisch, religiös, interkulturell und wissenschaftlich. Insbesondere die Kunst der Moderne ist ohne dieses grenz-, genre- und disziplinübergreifende Verständnis nicht vorstellbar. Vor dem Hintergrund der aktuellen weltweiten Entwicklungen und der damit zusammenhängenden kulturellen Herausforderungen an die Gesellschaft vermag die Kunst mit den ihr eigenen ästhetischen Mitteln wieder verstärkt zwischen unterschiedlichen Positionen zu vermitteln und zum gedanklichen Austausch und zur Diskussion anzuregen. Ungewollt erlangt damit das seit Längerem vorbereitete Ausstellungsvorhaben Reflections of India Relevanz und Aktualität.
Für das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) ist dieser internationale und interdisziplinäre Ansatz konstituierend. So haben die beiden das Museum in seinen Anfängen prägenden Direktoren, Max Sauerlandt und Alois J. Schardt, die Sammlungen bis 1933 gerade unter diesen Vorzeichen zu einer in ganz Deutschland renommierten Einrichtung für die damals zeitgenössische, heute als klassische Moderne bezeichnete Kunst entwickelt. Sauerlandt bezog in sein Konzept für das 1885 als Museum für Kunst und Kunstgewerbe gegründete Haus neben seiner Fokussierung auf die zeitgenössische deutsche und europäische Kunst auch außereuropäische Kunst ein. Aus dieser Gründungszeit stammen zwei Sammlungen, die sich heute nur noch rudimentär im Museumsbestand befinden: die Riebecksche Sammlung (erworben 1889) mit indischen und chinesischen Münzen, Textilien, Keramiken und Porzellanen sowie die Hellwigsche Südsee-Sammlung (erworben 1899), die Sauerlandt vor dem Ersten Weltkrieg gemeinsam mit Emil Noldes Gemälde Der Missionar (1912) in einem Raum präsentierte. Zu den jüngsten diesbezüglichen Sammlungserweiterungen des Museums gehören u. a. bedeutende Schenkungen für das Landesmünzkabinett des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale) mit umfangreichen Konvoluten chinesischer Münzen aus deutschem und amerikanischem Privatbesitz sowie einem erlesenen Konvolut indischer Münzen ebenfalls aus deutschem Privatbesitz.
Vor allem die Künstler der Moderne, die einen zentralen Sammlungsschwerpunkt des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale) bilden, erhielten wesentliche Inspirationen und Impulse aus der Kunst und Religion Asiens. So war der japanische Farbholzschnitt prägend für die Avantgarden seit dem Impressionismus und ist die Kunst des Informel nicht denkbar ohne die Auseinandersetzung mit japanischer Tuschmalerei. Demgegenüber beschäftigte sich Alexej von Jawlensky, den wir im Frühjahr 2017 gemeinsam mit Georges Rouault in einer weltweit ersten Doppelschau präsentierten, intensiv mit fernöstlichen Lehren, was Eingang in seine Kunst gefunden hat. In Fortführung dieses thematischen Bogens präsentieren wir im Sommer 2017 Refelctions of India.
Darüber hinaus gibt es vielfältige und weit in die Vergangenheit zurückreichende Verbindungen zwischen der Stadt Halle (Saale) und Indien, die eng mit den 1698 von August Hermann Francke gegründeten Franckeschen Stiftungen verbunden sind. 1706 wurden auf Geheiß des dänischen Königs Friedrich IV. die beiden protestantischen deutschen Missionare Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau in das südostindische Tranquebar entsandt. Beide waren eng mit dem halleschen Pietismus und August Hermann Francke verbunden, wodurch dessen bis heute existierende Stiftungen für mehr als hundert Jahre zum Träger der Indienmission wurden. Ich freue mich daher sehr, dass die Franckeschen Stiftungen auf unsere Ausstellung mit einer Kabinettausstellung über Frühe Fotografien aus der Indienmission reagieren. Auf diese Weise vermag das Ausstellungsprojekt Reflections of India die im Bundesland und in der Stadt existierenden deutsch-indischen Traditionen und Kompetenzen zu bündeln und im Sinne interkultureller Bildung fruchtbar zu machen.
Im Zentrum der Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saa­le) stehen die drei fotografischen Positionen von Manfred Paul, Manjari Sharma und André Wagner. Die unabhängig voneinander, in verschiedenen Kontexten und unterschiedlichen gesellschaftlichen Rahmen entstandenen Fotografien weisen erstaunliche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede auf und ermöglichen einen faszinierenden westlichen Blick auf Indien in der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart.
Der in Berlin lebende Manfred Paul zählt zu den wichtigen Vertretern der DDR-Autorenfotografie. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit existentiellen Fragen des menschlichen Seins und werden zu Gleichnissen, um das Vergehen aller Dinge als Bedingung des Lebens zu begreifen. Im Sommer 1989 reiste er im Auftrag des Verbands Bildender Künstler der DDR nach Indien. Fasziniert von Land, Kultur und Gesellschaft entstand im Eigenauftrag eine umfangreiche Serie von Landschafts-, Stadt- und Porträtaufnahmen, von denen der Künstler aufgrund des inoffiziellen Charakters dieser Fotografien im historischen Kontext der DDR und der sich unmittelbar an die Reise anschließenden politischen Wende nie Abzüge herstellte. Für die Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) hat er 2016 die ersten Abzüge hergestellt, die nun erstmals öffentlich gezeigt und publiziert werden. Mit dem Abstand eines Vierteljahrhunderts ist den Aufnahmen nach wie vor eine große Brillanz und atmosphärische Dichte eigen.
Der ebenfalls in Berlin lebende André Wagner reist seit 2004 regelmäßig für teils mehrmonatige Studienaufenthalte nach Indien. Hierüber entwickelte er ein tiefes Gespür und Verständnis für das Land und seine von den europäischen Vorstellungen stark differierende Lebenswelt. Seit seiner ersten Indien-Reise reflektiert Wagner seine Erfahrungen und Erlebnisse mittels des ihm eigenen künstlerischen Mediums – der Fotografie. Was den Künstler immer wieder fasziniert, sind „die Menschen und ihre Religiosität beziehungsweise die von ihnen bewusst gelebte Spiritualität auf der Straße, zu Hause und in den Tempeln“, wie er es selbst beschreibt. Entstanden sind in den zurückliegenden mehr als zehn Jahren zahlreiche, teils großformatige Arbeiten, die die Faszination des Künstlers auf der einen Seite verdeutlichen, auf der anderen Seite aber auch das spirituelle Moment der indischen Kultur als einer uns fernen Kultur vermitteln.
Besonders freue ich mich, dass es gelungen ist, Manjari Sharma für das Ausstellungsprojekt zu begeistern, womit den beiden deutschen reflections of India eine junge internationale Position zur Seite gestellt wird. Die in Mumbai geborene und aufgewachsene Fotografin lebt seit 2001 in den USA und hat sich in der Fremde künstlerisch mit den Wurzeln ihrer Kultur auseinandergesetzt. Zu Beginn der 2010er Jahre begann sie mit der Arbeit an ihrer fotokünstlerischen Re-Kreation der traditionellen Darstellungen indischer Gottheiten, die sie in zahlreichen Tempeln verteilt über das gesamte Land sah. In aufwendigen Sets schuf sie mit einem Team von mehr als 30 Mitarbeitern und Darstellern Motive, die sie am Ende eines langwierigen Arbeitsprozesses fotografierte. Sie verarbeitet hierbei auch Medieneinflüsse, mit denen sie in den 1980er und 1990er Jahren in Indien konfrontiert war, so z. B. die Bildsprache indischer TV-Produktionen wie Ramayan (1986–88/2008) und Mahabharat (1988–90/2013–14). Aus der Zusammenführung dieser Erfahrungen entstand die Serie Darshan, die nun erstmals in Deutschland gezeigt und publiziert wird.
Alle drei fotokünstlerischen Positionen offenbaren in der gemeinsamen Präsentation eine interessante und intensive Sicht durch die Brille der westlichen Kultur auf die uns fremde Kultur des fernen Subkontinents. Dass dieser besondere Blick möglich wurde, ist wie bei einem jedem solchen Projekt das Verdienst Vieler. Zunächst gilt mein herzlicher Dank den drei Künstlern, die in den zurückliegenden Jahren Geduld bewiesen und gemeinsam mit mir und meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Projekt entwickelt haben. Ebenso geht mein aufrichtiger, tief empfundener Dank an Dr. Roland Steffan und Hans-Jörg Schwabl, die die Ausstellungsidee in den zurückliegenden Jahren leidenschaftlich und engagiert begleitet haben und ihr in der Inszenierung im Museum ein wesentliches Gepräge gaben. Zudem bin ich ihnen für ihre vielfältige Verbundenheit mit dem Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) zu tiefstem Dank verpflichtet. Dr. Roland Steffan danke ich darüber hinaus für die fortwährende, fundierte fachliche Beratung und den Einführungstext in diese Publikation. Ich freue mich, dass Eugen Blume, Stephen C. Pinson und Shri Sarvabhavana jeweils in das Werk der drei Künstler einführen, und danke ihnen herzlich für ihre Unterstützung des Projektes. Schließlich gilt mein Dank Cornelia Wieg und Susanna Köller, die als Kuratorin und Projektleiterin Ausstellung und Publikation zuverlässig realisiert haben. Last but not least möchte ich Janos Stekovics meinen ganz persönlichen Dank aussprechen, hat er sich doch vom ersten Gespräch über das Ausstellungsprojekt für dieses interessiert und maßgeblich dazu beigetragen, dass das vorliegende Buch erscheinen kann.
Dies alles wäre nicht ohne die Förderung und Unterstützung Dritter realisierbar gewesen. Daher geht an dieser Stelle mein besonderer Dank an die NORD/LB Kulturstiftung, die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt und die Hallesche Wohnungsgesellschaft mbH, ohne deren finanziellen Beitrag das Projekt nicht hätte realisiert werden können. Ebenso danke ich ChromaLuxe und WhiteWall für die großzügige Unterstützung in der Anfertigung zahlreicher Fotografien von André Wagner und Manjari Sharma, die höchsten technischen Standards genügen. Schließlich freue ich mich, dass wir für das Begleitprogramm zur Ausstellung mit den Franckeschen Stiftungen und dem Seminar für Indologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg kompetente Partner in der Stadt Halle (Saale) gefunden haben. Prof. Dr. Thomas Müller-Bahlke und Prof. Dr. Walter Slaje gilt stellvertretend mein ausdrücklicher Dank.

Thomas Bauer-Friedrich
Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale)