The Big Wave

Die Japan-Serie von André Wagner

 

Der Titel von André Wagners neuer Serie weist tatsächlich mehrere Bezüge auf. „The Big Wave“ verweist vornehmlich auf ein klassisches Werk von Hokusai mit der Darstellung einer enormen Welle, eines der bekanntesten Kunstwerke des klassischen japanischen Meisters, worin das imposante Naturphänomen auf zarte und stilisierte Weise wiedergegeben wird.

 

Der Holzdruck aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nutzt die räumlichen Verhältnisse der Darstellung auf bestimmte Weise, um die vorherrschenden Dimensionen von Sinn, Wahrnehmung und sogar der Vorstellung von Maßstäben herauszufordern. Das erhabene Gebirge wird zu einem kleinen Detail im Hintergrund, womit sein göttliches Licht, und auch seine ewige Verankerung, dem vergänglichen Phänomen der Welle im Vordergrund untergeordnet werden. Dieses Spiel mit den Maßstäben und das gezielte Nutzen der Ausrichtung tauchen auch in André Wagners Werken auf.

 

Des Weiteren mögen wir auch an die seit Anbeginn der Moderne regelmäßig herannahenden Wellen des Orientalismus erinnert werden, während der die äußerst einflussreiche fernöstliche – und insbesondere die japanische – Kultur die westliche Welt inspirierthatZu den britischen Landschaftsgärten des 18. Jahrhundertsgehörten oft minutiös entworfene Gebäude, im Stil der Chinoiserie oder angelehnt an japanische Pagoden. Später, im 19. Jahrhundert, bewunderten und analysierten Impressionisten die Holzschnitte der klassischen japanischen Meister, einschließlich des bereits erwähnten Hokusai.

 

Die bedachten Kompositionen, zarte Linien und verstärktes Interesse daran, unbedeutende Einzelheiten der Natur wiederzugeben, beeindruckten Künstler und Designer der Art-Nouveau-Ära. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkten die wegweisenden, progressiven Architekten und Regisseure in die restliche Welt hinaus, wie heute die sich schnell ausbreitende und noch schneller konsumierte japanische Pop-Kultur mit ihren Comics, Manga-Romanen und Animationsfilmen.

 

Der dritte Bezug, der sich uns deutlich offenbart, ist der auf denverheerenden Tsunami, der 2011 das Atomkraftwerk in Fukushima zerstörte. Nicht nur handelte es sich um eine tragische Umweltkatastrophe, die unmittelbare Vernichtung und langanhaltende Vergiftung bewirkte; sie wurde und wird als erneute und eindrucksvolle Mahnung eines Problems interpretiert, das wir immer wieder vergessen – trotz der ebenso regelmäßig wiederkehrenden Zeichen, von denen der Tsunami selbst ein Beispiel ist: die tödlichen Auswirkungen unseres menschlichen Übermutes, der uns lieber mit größtmöglichem Selbstbewusstsein bis zu allerletzt an unsere Macht glauben lässt. Dann erst müssen wir uns unterordnen und begreifen, dass wir angesichts der überwältigenden Wucht der Natur bloß zwergengroß sind.

 

Der gewaltig mächtige Tsunami droht ständig, nicht nur die tiefgründige und facettenreiche japanische Kultur auszulöschen – die Kultur, die durch das ikonische Bild von Hokusai so wunderbar dargestellt wird und auch für André Wagner zur Quelle der Inspiration wurde –, diese Welle kann ebenso die Gefahr repräsentieren, die wir nicht überwinden können, selbst wenn hauptsächlich wir dafür verantwortlich sind. André Wagner bezieht sich in all seinen Fotos auf diese „Welle“ von Fragen und analysiert diese, nämlich unsere Interaktion mit der anderen Kultur, mit deren kulturellem Vermächtnis sowie die Ansätze und Lösungen der östlichen Traditionen und Religionen in Bezug auf das Erlangen eines weniger schädlichen und möglichst harmonischeren Lebens mit der Natur.

 

Doch statt einem billigen Asien-Trend oder angesagten östlichen Esoterik-Wahn nachzugehen, zielt der Künstler darauf ab, effizient und demütig zugleich von diesen Kulturen zu lernen. Er strebt danach, Lehren und Traditionen im Wesen zu begreifen und nicht bloß oberflächlich und seelenlos nur die dekorativen Elemente jener Spiritualität auszuborgen.

 

Seine Herangehensweise besteht nicht darin, die äußeren Merkmale zu imitieren, sondern vielmehr darin, die ausschlaggebenden Eigenschaften zu nutzen, nicht zuletzt, indem er untersucht, wie in diesen Kulturen der ausgeprägte – und aus westlicher Sicht oftmals beneidenswerte – Einklang zwischen Mensch und Umwelt geschaffen wird, wobei Letzteres ausgiebig interpretiert wird, einschließlich der Natur, Religion und Kultur.Dies ist vermutlich der entscheidende Grund dafür, dass André Wagners Werke besonders spirituell wirken, selbst wenn das eigentliche Motiv der Fotografie eine Alltagsszene oder ein geläufiger und gewöhnlicher Gegenstand ohne jeglichen Bezug auf religiöse Inhalte ist. Der Künstler jedoch beabsichtigt, diese besondere Synergie zwischen Mensch und Umwelt, die in östlichen Kulturen immer noch wahrnehmbar ist – aber fortwährend und zunehmend verblasst verstehen, wodurch die Fotografien spirituell aufgeladen werden.

 

Dieser Aspekt der neuen Werke über und aus Japan verbindet sich mit früheren Serien von André Wagner, zum Beispiel „Romance of Elements“ aus der Zeit von 2004 bis 2006. Darin hebt er dieatemberaubende Erhabenheit der Naturelemente, die in und durch die Landschaft erlebt wird, durch künstliche Elemente wie Kerzen und pyrotechnische Drähte hervor und fügt so der abschließenden Darstellung der Szenerie kalligraphische Eigenschaften hinzu. Er greift sowohl die spirituelle Stille als auch die herausfordernden Naturphänomene in seinen späteren Serien über Indien auf, einschließlich der Fotos von Pilgern, die während ihrer Reise mit den Elementen – zum Beispiel in Form von Sandstürmen – kämpfen. Daher ist der Mensch immer auf die ein oder andere Weise in André Wagners Fotos gegenwärtig: entweder explizit durch von Menschenhand geschaffene Bauwerke oder implizit durch Verweise und künstlerische Lösungen. Jedoch sieht der Künstler den Menschen und dessen Umgebung als Einheit und als Ganzes.

 

André Wagner ist aber auch ziemlich kritisch, oder mit anderen Worten: Er hat ernsthafte Bedenken und Sorgen in Bezug auf Zustand und Zukunft dieser Kultur, was sein Ziel erklärt, jene Zeichen hervorzuheben, die die bewunderte harmonische Eintracht zwischen Mensch und Umwelt zu zerstören oder zu mindern drohen. André Wagners Sinn und Feingefühl für Spiritualität richtet sich ans Universale: Selbst wenn echte Menschen auf den Bildern erscheinen, wirken sie verschwommen, als rasch fließende Massen vor ewigen Einheiten. Zeitloses und Vergängliches werden auf diese Weise verbunden, wie die unkenntlich gewordenen Betenden und Besucher vor einer monumentalen Buddha-Statue.

 

Für André Wagners Erkundungen und sein Interesse wird Japan der ideale Ort zum Verständnis der Kulturnatur und auch der Naturkultur, also des kulturbezogenen Abbildes und der Interpretation der ursprünglichen Natur sowie des stetig schwindenden Zustandes der Natur. Somit richtet sich die Frage des Fotografen danach, wie wir heute immer noch eine Art von Beziehung zu unserer Umwelt haben können.

 

Insbesondere in der heutigen Zeit, in der nichts unangetastet bleibt und auch nichts Unangetastetes gezeigt werden kann, werden ewige Eigenschaften durch menschengemachte und künstliche Handlungen und Absichten beeinträchtigt und oftmals zerstört: Die Natur und ihre Elemente werden als ordentlich angeordnete Büsche und Blumen präsentiert, die zu bloßen quasi-natürlichen Kontexten für ultramoderne Wolkenkratzer und dekorativen Bio-Szenerien neben Autobahnen werden. Selbst unsere heiligsten Stätten müssen wir vor uns selbst schützen: Auf den Köpfen und Körpern der großen Buddha-Statuen müssen Signallampen angebracht werden, damit keine Hubschrauber mit ihnen zusammenstoßen.

 

Die heiligen Bambushaine werden zu angesagten Touristenorten, an denen man die Schönheit der Szenerie am besten in der Nacht beobachten kann, wenn keine anderen Besucher anwesend sind – nur dann kann ihre Spiritualität immer noch in Ruhe genossen werden. Nach dieser Art von Spiritualität sucht André Wagner, und sobald er sie findet, beleuchtet er sie buchstäblich, im Fall des Bambushains mithilfe von Taschenlampen, mit denen er während der Langezeitbelichtung zwischen den Bambushalmen umherliefund so Schatten beseitigte sowie die Halme vollständig strahlend und gleichmäßig erhellte.

 

Die Untersuchung des Menschen und seiner umfassend interpretierten Umgebung, sei sie künstlich und natürlich oder konstruiert und intakt, wird stets auch durch einKompositionbewerkstelligt: Eine scharfe, präzise, klare und geometrische Anordnung der Elemente dominiert viele der Abbildungen – ein Phänomen, das für die Natur an sich atypisch ist, jedoch sehr oft auftaucht, wenn man die Natur auf die eine oder andere Weise einbezieht. Man muss aber erkennen, dass André Wagner bedächtig vorgeht, damit das Arrangement nicht zu gestellt wirkt.

 

Er interessiert sich für das konstante Ineinandergreifen des Natürlichen und Künstlichen und auch dafür, wie dieses observiert, interpretiert sowie repräsentiert wird. Wie wir bereits gesehen haben, ist sich der Künstler sehr wohl der Zerbrechlichkeit ebenjener Kultur bewusst, die lange Zeit das Gleichgewicht zwischen Natürlichem und Künstlichem in sich trug und bewahrte. Es wirkt kurios, dass der Künstler durch seine Fotografien nun selbst diese bewahrende Kultur weiterträgt.

 

André Wagner weiß sehr wohl, dass die große Welle, die Big Wave, herannaht und seine Verantwortung darin liegt, uns daran zu erinnern. Er konzentriert sich darauf, das Ewige durch das Vergängliche zu zeigen und lädt uns dazu ein, all dies zu erkunden und in Meditation zu reflektieren sowie Antworten auf jene Fragen zu finden, deren Existenz wir zu vergessen neigen.

 

Text:

 

Zoltán Somhegyi